New York Marathon

I ran New York

42 km. Schmerzende Knie, brennende Fußsohlen. Warum tut man sich einen Marathon an? Welche Motivation steckt dahinter? Wie im letzten Blog angekündigt, will ich mich an dieser Stelle mit den Städten befassen, in denen mein Vater wichtige Teile seiner Lebensleistung vollbrachte. In den vergangenen Jahren standen unter anderem Rotterdam, Berlin, Wien, Lausanne auf dem Programm. Und eben New York. Ich befragte ihn nach seinen Erfahrungen, seinen Gefühlen vor dem Lauf aller Läufe. Hier kommt sein Bericht.

Drei Jahre lang sehnte ich dem New York Marathon entgegen. Aufgrund der hohen Nachfrage herrscht nämlich eine strikte Teilnahmepolitik. Sie erfolgt über ein Auslosungsverfahren, die Chancen stehen bei 1:10. Man kann sich auch eine Startnummer erkaufen, für Tausende von Dollar. Das schien mir verlockend, aber wenig ehrenhaft. Mit einer Laufzeit unter 2 Stunden 45 Minuten wäre ich automatisch dabei gewesen. Aber auch die Option verwarf ich alsbald. Da blieb mir nichts anderes übrig, als Geduld zu üben und hartnäckig zu bleiben. Dreimal habe ich mich angemeldet, dreimal schied ich sofort aus. Einmal kam Sandy noch dazwischen, der verheerende Wirbelsturm, der 2012 über die USA hinwegfegte. Im besagten Jahr bangten Läufer aus aller Welt um ihre Teilnahme. Ob der Marathon durchgeführt werden konnte, war ungewiss. Beim meiner vierten Anmeldung klappte es dann – ich bekam das GO! – und konnte endlich mit meinen Vorbereitungen starten.

New York, New York. Eine Stadt, die der Welt gehört. Und ein kleines bisschen gehörte sie auch mir. Ich hatte fünf Jahre in Manhattan gelebt, der Marathon sollte mich also an altbekannten, geliebten und weniger geliebten Orten vorbeiführen. Am Tag selber war ich um fünf Uhr auf den Beinen und machte mich auf zur Subway, der berühmten New Yorker U-Bahn. Es war kalt. Ich schlotterte, möglicherweise auch vor Aufregung, und blies den weißen Dunst meines Atems vor mich her. Dann wartete ich auf die Staten Island Ferry, die mich zum Start bringen sollte. Als ich ankam, waren die versprochenen Gratis-Bagel nirgends zu sehen. Der Kaffee schmeckte nicht. War das der New York Marathon? Wie spät war es eigentlich? Ich fühlte, wie mein Herz im Hals wild zu pochen anfing – war ich zu spät dran für meinen Start? Ich setzte an zu meinem ersten Run an dem Tag. Uff, dachte ich schnaufend, gerade noch geschafft. Teilnehmer legten überfüssige Kleiderschichten ab, warfen sie weg. Ich tat es ihnen gleich. Dann hieß es: LOS!

Unser Rudel setzte sich in Bewegung. Es ging über die Verrazano Narrows Bridge, wo ein eisiger Wind wehte. Um uns herum wirbelten Kappen und Mützen durch die Luft. In Brooklyn wurden wir von begeisterten Menschenmassen angefeuert; angestrengt aber auch ein wenig stolz trabten wir an ihnen vorbei. Dann weiter über die Queensboro Bridge, Ankunft in Manhattan. An der Kreuzung zwischen den Straßen 63rd und 1st Avenue standen noch mehr Fans, ein einziges Jubeln, ein Klatschen, ein Tosen. Dann ging es hoch in Richtung Bronx, wo ein Mann mit Hammer die 32-Kilometer-Marke bekanntgab. Nie wieder, sagte ich mir noch. Erschöpft ging es über 5th Avenue zurück in den Südteil der Stadt. Mir graute vor den berüchtigten Hügeln am Ende – aber siehe da: Mein Training bewährte sich und ich bewältigte den gefürchteten Anstieg mit links. Und dann, nach vier Stunden, die sechs erlösenden Buchstaben: FINISH!

Oben im Trump Building am Columbus Circle gönnte ich mir eine eiskalte Cola und schaute herab auf die Läufer, die nach mir über die Ziellinie krochen. Ich war stolz und erschöpft, erfüllt – und gleichzeitig leer. Vor dem großen Tag ist bekanntlich absolute Askese angesagt. Strikte Schlafenszeiten. Kein Alkohol. Nudelberge auf riesigen Tellern – ohne Sauce, versteht sich. Jetzt durfte ich trinken, essen, feiern. Alles war wieder erlaubt. I ran New York. Ich gab mich dem überwältigenden Gefühl hin – und meldete mich kurz darauf an für mein nächstes Projekt: den Marathon in Berlin.

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